Das Printmagazin Daidalos vertrat stets ein Architekturverständnis der Langlebigkeit und Gleichzeitigkeit. Die Überlagerung von Baustilen galt nicht als Makel, sondern begründete das kollektive Gedächtnis. Dessen Wahrung war dem Magazin stets wichtig. Umso grösser klafft die Lücke, die das Ende von Daidalos im Jahr 2000 riss. Gerrit Confurius, der letzte Chefredaktor des Hefts, erinnert sich an die damaligen Umstände und empfiehlt das Prinzip der Permanenz auch als Strategie für die zukünftigen Aufgaben der Architektur.
Kurz vor dem 20-jährigen Bestehen kam das jähe Ende für Daidalos. Da der drastische Rückgang der Anzeigen die Finanzierung von zwei Fachzeitschriften nicht mehr zuliess, stellte die Bertelsmann AG Daidalos trotz merklich gestiegener Auflage ein, um das Fortbestehen der Bauwelt zu sichern, die mit ihrem wöchentlichen Erscheinen und der höheren Auflage Vorrang genoss. Firmen zogen es zunehmend vor, ihre Inserate in Zeitschriften mit hoher Auflage statt in Fachzeitschriften zu schalten. Ein beträchtlicher Teil der Werbung wanderte zudem ins Internet ab. Der gedruckt erscheinenden Bauwelt wurde das online agierende Portal Baunetz flankierend zur Seite gestellt. Phänomene der long durée und weiter ausholende Rückblicke fielen nun gänzlich unter den Tisch. Hinzu kam eine verlagspolitische Umorientierung. Hatte man im Vorstand von Bertelsmann kurz zuvor noch die Parole ausgegeben, sich in der Sparte Fachzeitschriften international an die Spitze setzen zu wollen, wurde dieses Ziel 1998 mit der Ernennung von Thomas Middelhoff zum Vorstandsvorsitzenden für illusorisch und unzeitgemäss erklärt. Daidalos wurde noch im selben Jahr bei Bertelsmann eingestellt. Dass auch im zweiten Anlauf unter einem britischen Verlag das Magazin in verschlankter Form nur für zwei Jahre Bestand hatte, ist vor allem eine Folge der Finanzkrise in Asien, wo der Verlag Gordon & Breach hauptsächlich aktiv war. Das Management des Verlags hielt es daraufhin für unvermeidlich, sich von einer Reihe seiner europäischen Engagements Hals über Kopf zu verabschieden.
Selbstdarstellung statt Kritik
Das Ende dieser Zeitschrift ist jedoch kein Einzelfall, sondern ein Symptom gravierender Veränderungen auf dem Felde des Publizierens überhaupt. Waren in den 1990er-Jahren an der Herstellung einer Ausgabe von Daidalos zehn Personen aus fünf verschiedenen Berufen beteiligt, musste nach der Jahrtausendwende eine Person allein das gesamte Pensum bewältigen, bei gleichzeitig geschrumpfter Entlohnung. Der sich beschleunigende Prozess der Digitalisierung hat im Medienwesen zu einem regelrechten Zeitschriftensterben geführt. Von der Fülle der Architekturpublikationen blieben einige Hochglanzmagazine übrig, die auf den Glamour der Fotografie setzen, und Zeitschriften, die von Universitäten oder kulturellen Einrichtungen finanziert werden. Bei den wenigen, die sich auf dem freien Markt behaupteten, bereitete diese Entwicklung den Boden für die Praxis, sich das Programm von renommierten Architekturbüros vorgeben zu lassen. An die Stelle unabhängiger Kritik in einem öffentlichen Raum trat eine elegante Form der Selbstdarstellung einzelner Akteure, die voneinander nur als Konkurrenten Notiz nahmen und bis heute des wechselseitigen und produktiven Erfahrungsaustauschs entbehren. Diese neu eingespielte Publikationsroutine auf dem Gebiet der Architektur und des Städtebaus bietet keine Plattform mehr für die Diskussion unterschiedlicher Überzeugungen und Haltungen. Die öffentliche kritische Reflexion der Disziplin findet kaum noch Raum und ist weitgehend auf das Feuilleton sehr weniger Tageszeitungen beschränkt.
Dabei mangelt es nicht an Problemen und an Stoff für Bildungsprozesse, die zu einer Politisierung im demokratischen Sinne auf diesem Gebiet beitragen könnten – einem Gebiet, das uns alle in einem Masse tangiert wie kaum ein anderes. Um zu ergründen, nach welchen Massgaben die Bautätigkeit zu intensivieren wäre, damit diese nachhaltig und in einer Weise erfolgt, welche die Struktur der Bevölkerung und deren Wünsche nach Lebensformen widerspiegelt, würden analoge Veranstaltungen wie Bauausstellungen und experimentelle Labors helfen – nicht zuletzt aber auch eine Wiederbelebung von Architekturzeitschriften wie Daidalos, welche die konkurrierenden Akteure und miteinander streitenden Stimmen bündeln und der Allgemeinheit zugänglich machen könnten. Diesen Medien käme die Rolle zu, Tendenzen aufzuspüren und einen innerdisziplinären Diskurs anzuregen, ihn zu steuern, auch tradiertes Wissen zu erhalten und die Entwicklung lesbar zu machen.
Aufgaben der Architektur
Wir hatten in der Redaktion der gedruckten Ausgabe von Daidalos stets den Anspruch, vor dem aktuellen Baugeschehen, welches die Bauwelt journalistisch begleitete, einen Schritt zurückzutreten und nicht nur aufs grosse Ganze im sozialpolitischen oder kunsthistorischen Sinne zu schauen. Wir wollten Architektur auch anthropologisch und erkenntnistheoretisch in den Blick nehmen und historische Vergleiche ziehen. Jede Nummer enthielt eine Sammlung von Beiträgen zu einem Thema, das Aktualität und Geschichte miteinander verband. Die Wahrnehmung von gestalteten Raumstrukturen und die Selbstwahrnehmung und Subjektbildung der Menschen als sich im Raum bewegende Körper sowie die Raumdimension der Konstitution von Gesellschaft sind Forschungsfelder mit mehr Relevanz denn je. Einer der zentralen Konflikte entsteht aus dem Widerspruch zwischen der allgegenwärtigen Steigerungslogik kapitalistischen Wirtschaftens und der Endlichkeit der Ressource Raum. Die Klimakrise mit ihren vielfältigen Folgen wie Lebensmittelknappheit, Wasserknappheit, Kriege um Ressourcen, Migration oder das Steigen des Meeresspiegels polarisiert Gesellschaften und bringt Regierungen in Not. In dem Masse, wie die destruktiven Effekte des postmodernen Kapitalismus unübersehbar werden, muss es sich auch die Praxis des Entwerfens und Bauens gefallen lassen, in verschärfte Begründungsansprüche verwickelt zu werden. Nachhaltigkeit bildet auch hier das Schlüsselwort. Möglich, dass der Architektur in Zukunft nicht nur wieder eine grössere ökologische und sozialpolitische Bedeutung zukommt, sondern sie auch eine weltanschauliche sowie eine wissenspolitische und wahrnehmungsschulende Rolle einnehmen muss. Als langlebigster Gebrauchsgegenstand ist Architektur essenzieller Bestandteil des kollektiven Gedächtnisses einer Gesellschaft und avanciert dadurch zum bedeutenden Träger ihrer Geschichte und Identität.
Gleichzeitigkeit der Geschichte
Wenn gegenwärtig erörtert wird, wie man bei Bauprojekten Material sparen kann, indem man für den Neubau so viel wie möglich wiederverwendet oder bestehende Bausubstanz durch Umbau geistesgegenwärtig in den Neubau integriert, dann lenkt dieser Ehrgeiz die Aufmerksamkeit auf den verkannten Umstand, dass das neu Gebaute in jeder Zeit ohnehin nur einen geringen Teil des jeweiligen Gesamtensembles darstellt. Der weitaus grössere Teil besteht aus Bauwerken und Infrastrukturen, die von früheren Generationen erstellt und aus vergangenen Epochen übernommen und je nach Bedarf den veränderten Bedürfnissen angepasst wurden. Oder sie werden auch ohne Anpassung einfach abweichend von ihrer ursprünglichen Bestimmung weiterbenutzt und bilden auf diese Weise mit den Neuzugängen ein Ensemble. An den Kathedralen AA zeigt sich in besonderer Deutlichkeit die Ambivalenz von Gedächtnis und Vergesslichkeit, die Gleichzeitigkeit der Fähigkeit, Geschichtliches zu bewahren mit der Fähigkeit, Erinnerung zu absorbieren, wie sie dem urbanen Ensemble insgesamt eigen ist. An ihnen wird besonders deutlich, dass wir die vermeintlich störende Verunreinigung ganz und gar nicht als Mangel oder Denkschwierigkeit empfinden. Als Gebäude, deren Errichtung ganze Epochen in Anspruch genommen hat, sodass Generationen an ihren Baustellen vorübergezogen sind, fehlt es den Kathedralen an stilistischer Einheitlichkeit und formaler Übereinstimmung zwischen ihren Elementen, ohne dass wir diese vermissen würden. Das Portal muss nicht unbedingt mit dem Mauerwerk, die Säulenordnung nicht mit den Gewölben und das Westwerk muss nicht unbedingt mit den Seitenschiffen übereinstimmen. Die heterogenen Teile bilden für unser Auge gleichwohl ein Ganzes, sogar den Inbegriff eines Ganzen, und das umso mehr, je konsequenter man die Unstimmigkeiten sichtbar bleiben liess, die Brüche nicht zu kitten und die Risse nicht zu verkleistern versucht hat. Bemühungen der Vereinheitlichung und Reinigung erleben wir selten als Segen, sondern zumeist als gewaltsamen und uns intellektuell und sinnlich unterfordernden und darum verstimmenden Eingriff zum Schaden der Gesamterscheinung.
In der Architektur löst das Neue das Vorherige nicht ab. Jede Epoche tritt mit ihren Formvorstellungen in Auseinandersetzung mit einem vorhandenen Chaos, das wiederum die Summe vorangegangener disparater Formentwürfe ist. Wie die Glieder der Kathedrale gleichen die Elemente der Stadt und der Architektur insgesamt, mit Wohlwollen betrachtet, einer Gesellschaft toleranter Individuen, die, was ihre Herkunft und Religion und ihr Alter angeht, einander nichts nachtragen. Wie wir, nach einer Beobachtung Honoré de Balzacs,1 die urbane Gesellschaft akzeptieren und geniessen, indem wir mit beliebig vielen anderen in partiellen Kontakt treten, ohne jeweils wissen zu müssen, mit welchen Motiven und Biografien wir es zu tun haben, so treten die Gebäude einer Stadt in Kontakt miteinander ohne Ansehen ihrer Herkunft und der ihnen zugrunde liegenden Intention. Häufig handelt es sich bei jenem Sammelsurium um die Summe nicht einmal kompletter Realisierungen von Konzeptionen, sondern um auf der Hälfte stecken gebliebener Projekte und fragmentierter Überreste aufgegebener Konzepte. Architektur verwandelt dieses zeitliche Nacheinander in ein räumliches Nebeneinander von Ungleichzeitigem und intentional Divergentem. BB
Permanenz und Integrität
Dementgegen denken Kunsthistoriker, wie Rosalind E. Krauss spottet, wie Scholastiker, nämlich in aufeinanderfolgenden Typologien und in Revisionen.2 Sie sehen die Welt mit den Augen alter Männer, betrachten sie mit jenem starr rückwärtsgewandten Blick, der nach bewährten sicheren Trittsteinen in Gestalt von Präzedenzfällen sucht, nach Leitern, auf denen man langsam und mühsam bis zur Gegenwart emporklettern kann. Unter Architekturgeschichte versteht man, dank der Ausrichtung an dieser noch heute massgebenden historisierenden Kunstwissenschaft des 19. Jahrhunderts, die chronologische Liste bedeutender Baumeister und die Aneinanderreihung von Bauwerken nach dem Datum ihrer Fertigstellung, grob gerastert in Stilepochen. Die Anordnung der Architekten und ihrer Werke und der Stilrichtungen bildet die Architekturgeschichte in der Form jenes «imaginäre Museum» ab, von dem André Malraux (1901–1976) und Jean Tardieu (1903–1995) sprachen.3 In ihm wird suggeriert, dass die Stadt mit jedem Stilwechsel, in jeder Epoche komplett neu errichtet wird, obwohl jedermann weiss, dass dies nicht so ist.
Der tatsächlichen Geschichte der Architektur und der Stadt kommt man begrifflich näher, wenn man den zentralen analytischen Begriff für Geschichtlichkeit nicht im Neuen und sich Verändernden, sondern im Beibehaltenen und Gleichbleibenden sieht, das deshalb gleich bleibt, weil es sich auf moderate Weise verändert und Zurückbleibendes integriert. Die Historikerschule um Henri Pirenne (1862–1935)4, die als Kernbegriff geschichtlichen Bewusstseins den Begriff der «Permanenz» zum Diskurs beigesteuert hat, wollte ihn zwar vor allem auf Institutionen und Lebensformen angewandt wissen. Er lässt sich aber ohne Weiteres auf Architektur übertragen und offenbart so erst seine eigentliche Tragfähigkeit, wie vor allem Pierre Lavedan (1885–1982) und Enrico Guidoni5 (1939–2008) anhand der Beharrlichkeit bestimmter Strukturen bei den Wandlungen der europäischen Stadt seit der römischen Antike deutlich gemacht haben. Verbliebene Muster von Cardo und Decumanus oder Grundmauern antiker Theater und Arenen finden sich noch heute in den Strassenverläufen europäischer Städte. Sie bezeugen eine Gleichzeitigkeit, von der auch Aldo Rossi (1931–1997) in seinen morphologischen Stadtanalysen fasziniert gewesen war.CC Das physische Erleben und die Befragung der gebauten Umwelt als Zeuge der Permanenz von Geschichte im «pirenneschen» Sinne stellt einen wesentlichen Bestandteil der architektonischen Selbsterneuerung und Selbstreflexion dar. Dies korrespondiert eng mit dem Umstand, dass wir den Abriss von Bauwerken als Angriff auf unsere eigene Integrität erleben.
Architektur verschwindet nicht, ohne anderes mit ins Wanken zu bringen. Die Architektur stützt nicht nur das kollektive Gedächtnis, sie begründet es. Diese Rolle zu pflegen und ihr zu stärkerer Beachtung zu verhelfen, stellt eine Aufgabe dar, welche Daidalos nie scheute. Als digitales Magazin für Architektur, Kunst und Kultur, das sich als Non-Profit-Organisation den kapitalistischen Marktgesetzen und Zwängen des Verlagswesens zu entziehen versucht, darf sich Daidalos nun mit grosser Freiheit und Überzeugungskraft stark machen für das Prinzip der Permanenz im Sinne des Präsenthaltens vergangener Lösungen für noch unbekannte Probleme. Als offenes Forum für kritische Diskurse fungiert die Onlineplattform nicht nur als Gedächtnis von Ideen, sie wird dieses Archiv auch immer wieder für neue Generationen von Leserinnen und Lesern erfahrbar machen. Mit dieser Gewissheit blicke ich der digitalen Wiedergeburt von Daidalos erwartungsvoll entgegen und wünsche den Beteiligten Mut und Instinktsicherheit bei der Themenwahl und ein stets wachsendes Publikum.
Permanenz als Prinzip
Text: Gerrit Confurius
Zum Geleit des Neustarts von Daidalos
Das Printmagazin Daidalos vertrat stets ein Architekturverständnis der Langlebigkeit und Gleichzeitigkeit. Die Überlagerung von Baustilen galt nicht als Makel, sondern begründete das kollektive Gedächtnis. Dessen Wahrung war dem Magazin stets wichtig. Umso grösser klafft die Lücke, die das Ende von Daidalos im Jahr 2000 riss. Gerrit Confurius, der letzte Chefredaktor des Hefts, erinnert sich an die damaligen Umstände und empfiehlt das Prinzip der Permanenz auch als Strategie für die zukünftigen Aufgaben der Architektur.

Feminismus Bauen

Duplice Metamorfosi

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